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Die Moderne gegen sie selbst verteidigt – Die Filme von Jacques Tati

von Till Harning

Es besteht ein Konsens in den Betrachtung der Filme Jacques Tatis: Sie stehen in der Tradition von Chaplins »Modern Times« als Kritik an der Moderne. In der Tat finden sich in all seinen Filmen Szenen, in denen Menschen an den Manifestationen des Fortschritts zu scheitern drohen, genauso wie solche, die eine vom Untergang bedrohte Welt zeigen, die noch nicht vom Fortschritt ergriffen wurde. Doch nie schlägt sich Tati vorbehaltlos auf die Seite dessen, was immer wieder in Schriften über sein Werk als »alte Welt« bezeichnet wird. Die zur Perfektion getriebene Rationalität der amerikanischen Post, die in »Tatis Schützenfest« in ein französisches Dorf importiert werden soll, hat nichts Dämonisches oder bedroht die Dorfgemeinschaft in ihrem Bestehen, allein sie ist dem dortigen Bedingungen so unangemessen, dass ihr Unverständnis geradezu zur Komik herausfordert.
Auch der fordistische Arbeitsalltag in der Fabrik droht nicht mehr mit der Vernichtung des Individuums, wie Chaplin es 22 Jahre vor »Mon Oncle« gezeigt hat. Was bleibt ist eine sich den Menschen gegenüber verselbständigte Rationalität, die ins Irrationale umschlägt. Die endlosen Plastikschläuche verwandeln sich, kaum dass die von Tati geschaffene Figur des Monsieur Hulot die Aufsicht übernimmt, zunächst in groteske Formen, schließlich durch sein Eingreifen in Würste, für den Zuschauer eine sinnlose Anhäufung, für Hulot ganz pragmatisch etwas, das man den Metzgern verkaufen könne.
Tati ist sich stets bewusst, dass der Fortschritt und die alte Welt, die moderne Architektur der Städte und die alten leicht verfallenen Wohnviertel, also die Bereiche der Öffentlichkeit und der Privatheit, deren Trennung für die Moderne so wichtig ist, nie unabhängig von einander zu denken sind. Die Trennung von alter Welt und den hypermodernen Flughäfen, Hotels und Frabriken, die schon in »Mon Oncle« nur noch durch eine halb eingerissene Mauer besteht, ist in »Playtime« folgerichtig nicht mehr gegeben. Nicht nur verschwimmen die Bereiche, Tati stellt die Existenz der alten heilen Welt in Frage. Genauso wie die sinnlosen Apparaturen lustvoll dem Spott überantwortet werden, macht Tati deutlich, dass die Areale der alten Welt weitgehend rein projektiv sind. Die alte Blumenverkäuferin mit ihrem Stand dient nur noch als Fotomotiv und die touristischen Bilder von Paris, wie der Eifelturm im goldgelben Licht, sind nur Spiegelungen an den Schwellen der modernen Architektur mit ihren Glasfassaden.
Als Kritiker des eines von den Bedürfnissen der Menschen abgekoppelten Fortschritts tritt Tati nie als Verteidiger einer althergebrachten Lebensweise auf, die für sich nicht weniger Fetisch wäre als die Fortschrittsgläubigkeit seines Bruders und dessen Frau in »Mon Oncle«. Mit seiner durch den exzessiven Gebrauch von Totalen geschaffenen Distanz zum Verhalten der Individuen in den durchaus kunstvoll geschaffenen Räumen der Moderne kritisiert er die Reflektionslosigkeit, einen Fortschritt um seiner selbst willen, eine Fetischisierung der Rationalität, die ins Irrationale umschlägt. Dass Tati mit dieser Irrationalität doch stets einen spielerischen und entlarvenden Umgang findet statt eines bedrohlichen – er ist nicht der aggressive Zivilisationskritiker, der zerstören will, auch wenn so einiges zu Bruch geht, sondern inszeniert ein Ballet der Unvernunft, in dem doch stets die Auseinandersetzung des Individuums mit seiner Umwelt im Mittelpunkt steht – mag weiterer Anhaltspunkt dafür sein, dass er mit seinem Insistieren auf Individualität und Vernunft viel stärker dem Projekt der Moderne verpflichtet ist, als manch einer dies gerne hätte.

Tatis Schützenfest / Jour de fête // Frankreich 1948 // Regie: Jacques Tati // mit: Jacques Beauvais, Guy Decomble

Mein Onkel / Mon Oncle // Frankreich / Italien 1958 // Regie: Jacques Tati // mit: Jacques Tati, Jean-Pierre Zola

Tatis herrliche Zeiten / Playtime // Frankreich 1967 // Regie: Jacques Tati // mit: Jacques Tati, Luce Bonifassy

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