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Lucius Burckhardt
Wert und Sinn städtebaulicher Utopien (1968) |
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Die Stunde der Utopie
Alles Gebaute enthält Entscheidungen und deshalb Fehlentscheidungen. Irgendwo muß ein Wille bekundet und eine Grenze gesetzt werden – im positiven und im negativen Sinne. Man kann nicht alles zugleich wollen: bestimmte Zwecke schließen andere Zwecke aus. Je fester man die einen Zwecke erreichen will, desto schwieriger wird es, weitere Zweckbestimmungen zu befriedigen. In diesem Sinne stellt der Entwurfsvorgang eine Reduktion dar: die Reduktion auf die vom Programm geforderten Zwecke.
Die Moderne Architektur hat dieses Wählen, dieses Reduzieren zum Stilmotiv erhoben. Der Funktionalismus fordert das scharfe Programm, die rigorose Entscheidung für den einen und gegen den anderen Bauzweck. Die sogenannte »saubere Lösung« der Bauaufgabe wird zum Merkmal des Gebäudes; die Architektur »Marke Knopf im Ohr« zeigt von weitem in ihrer angeblich abgeschafften Fassade den Ausdruck extremster Reduktion auf einen Bauzweck, den Ausdruck einfachster Problemlösung. »Kompromißlos« lautet das Lob der Kenner für diese Architektur, deren Kompromisse sich auf einen einzigen Bauzweck konzentrieren.
Ist Moderne Architektur funktionalistisch? Vermutlich nicht. Glatte oder durch irgendwelche Verfahren gerasterte oder gerauhte Oberflächen sind weder billiger noch praktischer noch dauerhafter als dekorierte; kubische oder gar organische Formen sind weder billiger noch zweckmäßiger als klassische oder historische. Man darf es zugeben, ohne im geringsten die Leistung der Modernen Architektur zu schmälern: der Funktionalismus der Modernen Architektur liegt auf perzeptionellem Gebiet, anders ausgedrückt: die »Lösungen« sind vor allem Lösungen für das Auge.
Trotzdem spielt der moderne Architekt den Erfinder: für jede alltägliche Aufgabe erfindet er neu die Lösung. In Ermangelung einer bindenden Aufgabe erfindet er sogar diese: »Haus über dem Wasserfall«, »Haus aus Glas«, und wie die klassischen Bauten der Pionierzeit alle heißen. Dieses demonstrative Lösen von Problemen gibt der Modernen Architektur etwas Thematisches: während man sich über die redenden Baustile des 19. Jahrhunderts mokiert, schafft man Bauten, die überhaupt nur noch reden, die ständig die geniale Art und Weise preisen, in der sie ihre Aufgabe gelöst haben.
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Kathedrale in Brasilia |
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Das Lösen spezieller Aufgaben hat isolierenden Charakter: jeder Bau erfüllt seine Aufgabe, indem er alle denkbaren Nebenaufgaben ausklammert. Nie waren die Schulen so sehr Schulen, die Wohnhäuser so sehr Wohnhäuser, die Museen so sehr Museen wie heute. Unverbunden stehen sie nebeneinander, sämtliche Nebenzwecke verbindender Art sind unter den Tisch gefallen. Diese Nebenzwecke, dieses Unwesentliche sammelt sich nun an zu neuen Aufgaben: wo verbringt der Mensch seine Freizeit, wo sein Alter, wo stellt man Kinderwagen ab, wo parkiert man Autos, wo lernt man sich kennen? Weit davon entfernt, die Schuld an diesen Zuständen sich selber zuzuschreiben, erfinden unsere Politiker und Architekten neue Zwecke: das Freizeitzentrum, die Abstellgaragen, das Einkaufszentrum, das Hobbyzentrum, das Altersheim, die Stätte der Begegnung... herrliche neue Aufgaben zu herrlichen Lösungen. Erneut steht Unverbundenes unverbunden nebeneinander. Neue Nebenzwecke fallen unter den Tisch und entwickeln sich dort zu Hauptzwecken: neue Bauaufgaben sind in Sicht. Der Funktionalismus triumphiert.
Spätestens in den späten fünfziger Jahren schlug die Stunde der Utopie. Wir müssen uns klar darüber sein: diese Utopien sind Kinder des Funktionalismus; sie sind »saubere Lösungen« für das Allgemeine. Aber man hatte gelernt, daß zwischen und über den Zwecken auch dieses Allgemeine gelöst werden muß.
Utopien zu schaffen ist ein legitimes Mittel, nach der Zukunft zu suchen. Auch der Erfinder geht ähnlich vor: er denkt eine Sache weiter, indem er sich gewisse Nebenwirkungen wegdenkt, indem er notwendig mit ihnen verbundene Eigenschaften vorläufig abtrennt, also: indem er abstrahiert. Nachher allerdings muß er sich eine Liste von all dem machen, wovon er vorläufig keine Notiz genommen hat. Diese Liste haben die Utopisten gewöhnlich versäumt – insofern sind sie echte Funktionalisten. Würden die Utopien verwirklicht, es ginge ihnen wie den heutigen Bauten: sie wären isolierte Realisierungen, letztlich Fehlplanungen in einer Zeit, deren Zwecke sich rasch ändern, deshalb nicht so scharf definiert werden können, wie es der Funktionalismus will. Das gilt, wie wir noch aufzeigen wollen, selbst für jene Utopien, die sich den Wechsel zum Hauptzweck genommen haben und sich scheinbar auf nichts mehr festlegen.
Als Kind der Modernen Architektur ist auch die Utopie »sprechend«: sie verkündet in ihren Formen die Lösung des Problems, das sie sich aufgegeben hat. Aber diese Probleme sind anderer Natur, sie sind integraler. Indem die Utopie die Notwendigkeit verkündigt, gesamthafte Lösungen zu suchen, verurteilt sie die Vereinzelung des Funktionalismus der dreißiger und fünfziger Jahre. Sie schafft eine Formensprache, in welcher man sich über urbanistische Probleme verständigen kann. Insofern ist die Utopie der erste Schritt zur Überwindung der Folgen des Funktionalismus.
Utopien 1958–1968
Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts haben sich die Utopien von mehr technischen Entwürfen zu solchen entwickelt, die mehr oder weniger auch auf den sozialen Prozeß Rücksicht nehmen. Dabei ist der Ausdruck »technische Utopie« mißverständlich: die meisten technischen Utopien wären technisch durchaus möglich, vielleicht am Anfang etwas teuer, aber sich rapide verbilligend, wie ja auch andere technische Utopien – das Fliegen zum Beispiel – billig oder wenigstens erschwinglich geworden sind. Nein, diese Entwürfe künftigen Wohnens sind nicht von der Technik her Utopien, sondern von der Beschlußfassung: wann wird die Gesellschaft gesonnen sein, in dieser Weise zu wohnen?
Die »technischen Utopien« sind die direktesten Nachkommen des Modernismus. Sie bestehen in der Regel aus Wohnungen oder Wohnkabinen, die entweder konventionell sind oder aber Nachkommen dessen, was in den dreißiger Jahren »die Wohnung für das Existenzminimum« hieß. Wovon hier abstrahiert wird, ist das fortschreitende Ansteigen des Lebensstandards. Das Existenzminimum des heutigen Menschen ist immer über dem Existenzminimum; aus welchem Paradoxon eine Dynamik entsteht, die sich keinesfalls mehr in engen Kabinen einfangen läßt. – Wie immer das sei, diese Kabinen werden nun in einer demonstrativ-technischen, man möchte sagen, in einer expressionistischen Weise aufgehängt: sei es an Masten gleich Fernsehtürmen, sei es an Kabeln und Hängebrücken. Nochmals: utopisch ist nicht das Technische, sondern die Vorstellung, es werde die moderne Gesellschaft einen wesentlichen Teil ihrer ökonomischen Kräfte auf eine solche Wohnform lenken.
Ein Teil der technischen Utopien arbeitet mit dem malthusianischen Argument: mit der Vorstellung, es müsse für eine millionenfach sich vermehrende Erdbevölkerung Wohnraum geschaffen werden. Für diese Wohnungen reichen die konventionellen Materialien so wenig aus wie die gewachsenen Baugründe: Kunststoffzellen, Zellenberge nach Art vergrößerter Schäume, sollen sich auftürmen auf den Weltmeeren oder sich gar in den Untergrund versenken. – Wir wissen nicht, in welchen Ausmaßen sich die Menschheit noch vermehren und welche Folgerungen sie daraus ziehen wird. Es ist aber zu vermuten, daß längst vor dem Problem der Unterkunft andere Engpässe auftauchen; man braucht dabei nicht einmal an die Ernährung zu denken, die vermutlich gelöst werden kann, sondern an solche der Politik oder der Organisation.
Deshalb sind die »urbanistischen Utopien« in einem technischen Sinne vielleicht utopischer, für uns aber realer, da sie sich mit organisatorischen und gesellschaftlichen Problemen befassen. Von diesen Utopien wurde am frühesten der Greater Tokyo-Plan von Kenzo Tange bekannt. Unter dem Eindruck der sich ausbreitenden Großstadt, der in ihr notwendigen Kontakte und der daraus resultierenden Verkehrsmisere konzipierte Tange auf der Bucht von Tokio eine auf trapezförmigen Gestellen aufgetürmte Stadt, die im wesentlichen ein Verkehrssystem ist. Die Gestelle bieten terrassenförmig angeordnetes »Bauland« für Arbeitsplätze und Wohnungen. In ihrem Kern sind sie teils Bahnhöfe und Garagen, teils Fabriken und Büros, und sie sind an große Verkehrsträger angeschlossen, die ein vollkommenes verkehrsmäßiges Austauschsystem durch die ganze Stadt garantieren. Die Stadt ist eine Maschinerie, die höchste Kontaktfähigkeit von zwanzig Millionen Menschen gewährleistet: jeder Arbeitsweg, jeder geschäftliche oder der Bildung gewidmete Besuch ist in kürzester Zeit möglich.
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Kenzo Tanges »Plan for Tokyo« (1960) |
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Während das Verkehrssystem und das künstliche Bauland aus Beton bestehen, sind die darauf befindlichen Funktionen des Arbeitens und Wohnens ephemer konzipiert. Das wurde schon früh von einem anderen Japaner – Fumihiko Maki – kritisiert, der sagte, es sei hier das Bleibende, nämlich die menschliche Wohnung, vergänglich, das rasch sich Entwickelnde aber, der Verkehr, auf alle Zeiten fest gefügt. Immerhin hat der Greater Tokyo-Plan von Tange in den letzten fünfziger Jahren unmißverständlich auf die Präponderanz des Verkehrs hingewiesen und die Stadt als einen Ort der umfassenden Berufskontakte definiert. Soweit ist sein Konzept modern; – andere Aspekte weisen verräterisch zurück auf den latenten japanischen Feudalismus. Das Verkehrsgestell samt künstlichem »Bauland« gehört dem Staat, die Stadt wird geradezu eine Inkarnation des Staates; der einzelne bekommt eine kleine Fläche zugewiesen, auf der er sein Wegwerfhäuschen aufstellen kann. »Dies Haus, mein Vogt, ist meines Herrn des Kaisers / und Eures und mein Lehen« – ist man zu zitieren versucht.
Eine andere der großen urbanistischen Utopien jener Jahre ist die Raumstadt von Yona Friedman. Anders als Tange, glaubt Friedman nicht an Riesenstädte von 20 Millionen Einwohnern, sondern limitiert die seinen bei etwa 3 Millionen. Für diese Größe baut er auf Trägern viergeschossige Gestelle, in welchen an beliebigen Orten oder – wegen des Lichteinfalls – gemäß bestimmten Mustern Wohnzellen eingefügt werden können. Alles ist fließend, alles ist frei: wo eine Zelle war, kann später eine Straße oder auch Luftraum sein; jeder kauft oder mietet sich eine Zelle für gewisse Zeiten und zieht dann wieder weiter. Die Kontakte vollziehen sich nicht über eine Verkehrsmaschinerie, sondern möglichst netzförmig: je disperser, desto weniger kann der Verkehr durch Pannen unterbrochen werden. Das ganze System bewahrt äußerste Flexibilität: beweglich ist die Zelle, beweglich die Anordnung, beweglich schließlich die Trägerstruktur selbst. Alle Anordnungen sind nur auf Zeit, alle festen Dinge demontabel, alle Abmachungen kündbar.
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Skizze zur »Raumstadt« von Yona Friedman |
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Auch das System der Urbanisten Jan Lubicz-Nycz und Donald P. Reay aus Tel Aviv greift tief in eine Tradition: es ist das Halljahr des mosaischen Gesetzes, in welchem alle Verpflichtungen gelöst und alle Schuld getilgt werden. Aber läßt sich das Prinzip des Lösens so ohne weiteres in unsere entwickelte Gesellschaft übertragen? Bildet unser ökonomisches System nicht notwendig Strukturen aus, die Dauer verlangen und auch Dauer zu schaffen wissen?
Nicht nur das gebaute, das ganze gesellschaftliche System neigt zur Verfestigung; wir wissen das von unseren Städten: obwohl die Häuser im Durchschnitt alle hundert Jahre abgebrochen und erneuert werden, bleiben die Straßenzüge durch die Jahrhunderte bestehen, als ob die Hausfassaden ewig währten. Wo nichts Festes zu schützen ist, da erheben sich undurchdringliche papierene Strukturen: da macht der mit jenem einen Vertrag, er werde nie dieses oder jenes tun, und je mehr der Staat auf Gesetzgebung verzichtet, desto eifriger wuchert das Gespinst der privaten Vereinbarungen. Die Utopie der totalen Mobilität geht insofern an der Wirklichkeit vorbei, als es gar nicht die Mauern sind, welche die Veränderung hemmen. Die Stadt Yona Friedmans offeriert eine Flexibilität, die niemals ausgenützt werden wird, so wenig wie sich Wagen auf einem Parkplatz oder die beweglichen Stände auf einem Markt frei über das Gelände verteilen können.
Mit »Urban Fiction« könnte man eine Kategorie von städtebaulichen Utopien umschreiben, welche im wesentlichen von den beiden englischen Architektenvereinigungen Archigram und Clip-kit entworfen wurden. Auf urbanistischer Ebene versuchen sie, den Notwendigkeiten des städtischen Gefüges und Kontaktes in verfeinerter Weise gerecht zu werden. Damit suchen sie eine neue Mitte zwischen Tanges totaler Verkehrsinstallation und Friedmans totaler Flexibilität: die Teile der Stadt sind nicht mehr homogen, sondern spezialisiert.
Der Kontakt wird zum Teil durch den Verkehr gewährleistet; wo nötig, kann aber auch durch Veränderungen im Stadtgefüge Realkontakt hergestellt werden: durch »Clip-on« und »Plug-in« von Raumkabinen. Dadurch ist die einmal geschaffene Zuordnung nicht endgültig, Entwicklung und Wachstum sind möglich, ohne daß sie in vollem Maße durch die Flexibilität vorausgesehen und abgedeckt wären. Unvorhergesehenes wird durch Umbauten aufgefangen.
Dabei wird die Vorstellung unvorhersehbarer Kontaktbedürfnisse sehr weit getrieben: was geschieht, wenn beispielsweise die Notwendigkeit sichtbar wird, daß zwei voneinander entfernte Städte in näheren Kontakt treten – etwa deshalb, weil die Forschungen, welche in der einen gemacht wurden, in der anderen ausprobiert werden sollen, so daß breite Informationsströme zwischen vielen Einwohnern nötig werden? Für diesen Fall sind die Städte selbst mit Kontaktorganen und sogar mit Gliedmaßen ausgerüstet, welche eine gewisse Bewegung ermöglichen.
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Die »Plug-In City« der britischen Architekten von Archigram |
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Man sieht, die Visionen der Zukunft sind recht realistisch; das Leistungs- und Kontaktgefüge, welches die Stadt ausmacht, wird aufgefächert und analysiert. Und doch liegt die Leistung von Archigram und Clip-kit vor allem im Visuellen: im Gegensatz zu Friedman, der seine Konstruktionen nie bis zur Gestalthaftigkeit ausformen wollte, damit man sie nicht mit der Realität verwechselt, haben die beiden englischen Gruppen die Gestalt der künftigen Stadt gesucht und damit auch die inhaltliche Diskussion erleichtert. Denn es sind ja vor allem Formen, an welchen der Mensch die Neuheit des Neuen erkennt und an welche er sich gewöhnen muß. Daß diese Formen von den verschiedenen Revivals einerseits, von der Pop-Art andererseits profitierten, macht sie nur leichter verständlich und damit für die Diskussion um so wertvoller.
Eine letzte Gruppe von Utopien möchte ich als »integrierte« bezeichnen. Während die bisher genannten Utopien weitgehend von einer Zukunft handeln, in die wir von außen wie durch ein Fenster blicken, befassen sich die »integrierten Utopien« mit dem Übergang von der Vergangenheit und Gegenwart in Zustände von morgen und übermorgen. Hierzu zähle ich beispielsweise den »Potteries Thinkbelt-Plan« von Cedric Price und den »Stadtumbau ohne Bodenreform« von Walter Förderer. Beide Entwürfe beruhen darauf, daß sie Bestehendes in verblüffender Weise weiter nützen.
Der Potteries Thinkbelt-Plan befaßt sich mit einem absinkenden Industriegebiet, dessen reich ausgebautes Eisenbahnnetz nicht mehr voll ausgelastet ist. Diese Eisenbahnanlagen werden nun dazu ausgenützt, der dichten Bevölkerung dieses Gebietes höhere Bildung durch eine fahrende Universität zu verschaffen. Universitäten sind im Prinzip die Bahnhöfe, besser noch die alten Rangieranlagen: sie bestehen aus festen Anlagen, wie Studenten- und Dozentenhäusern, den festen Hörsälen, den Umsteigestellen von den Zügen in die Hörsäle und Laboratorien, teilweise aus fahrbaren Hörsälen und einer abgestuften Skala von Experimentierräumen, die je nach Art der Experimente mehr feste und mehr bewegliche Bestandteile enthalten. Die letzteren werden durch Eisenbahnkräne manövriert. Die Dozenten und viele der Studenten sind ständig unterwegs; ihre Anwesenheit bereichert die Städte, die sich zu Spezialisten ausbilden. Eine enge Verbindung zwischen der in einer Stadt gelehrten Wissenschaft und spezifischen Produktionszweigen wird ermöglicht. Sowohl auf dem Gebiet der allgemeinen Weiterbildung wie auf dem des direkten Kontaktes zwischen Forschung und Produktion ziehen die Städte Nutzen aus dem Anschluß an das wissenschaftliche Verkehrsnetz.
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Cedric Prices »Tinkerbelt Plan« von 1965 |
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Diese Utopie lehrt uns sowohl etwas über moderne Bildungspolitik, was wir hier nicht weiterentwickeln wollen, als auch über Entwicklungspolitik schlechthin. Die Ausnützung vorhandener Installationen für neue Zwecke ist ein wichtiges Element des Fortschritts; die Zeit, in der man sich für modern hielt, wenn man überkommene Strukturen zerstörte, ist vorbei. Selbst in Amerika sieht man sich heute gezwungen, auf die gute alte Normalspurbahn zurückzugreifen.
Auch Förderers Stadtumbau geht von Vorhandenem aus und operiert an einem realen, recht gewöhnlichen Stadtteil des 19. Jahrhunderts. Er enthält in einem schachbrettförmigen Straßensystem einige Wohngevierte, eine kleine Parkanlage und eine Fabrik. Der Umbau vollzieht sich individuell; wer bauen will, der kann. Eine vorübergehende Flexibilität wird dadurch hergestellt, daß der Luftraum über den Straßen überbaut werden darf. In Kompensation dazu werden die Hinterhöfe im ersten Geschoß enteignet und zu einem Wegnetz vereint, das diagonal zum Straßennetz geht. Das Straßennetz liegt nun unterirdisch, die auf die Straße gehenden Räume dienen als Warenlager und Verladeräume. Die Läden befinden sich ein Geschoß höher und richten sich gegen das Fußgängernetz. Darüber sind Büros und vor allem Wohnungen. Die Fabrik wird zur Abstellgarage. Wer in den Straßengevierten wohnt und auswärts arbeitet, hat dort seinen Wagen. Zwischen Wagen und Wohnung spielt sich sein Stadterlebnis ab: deshalb kann auch die Parkanlage in ihrer ursprünglichen Gestalt nicht bleiben. Die Parkgarage übernimmt die einstige Rolle des Stadtzentrums; hier kaufen die heimkehrenden Männer ein und trinken vielleicht noch ein Glas. Im Park entsteht Provisorisches, halb Jahrmarkt, halb Hobbyzentrum. Diese Anlage verändert sich am kurzfristigsten, die Garage mittelfristig und das Wohnquartier in langfristigen Abständen. Aber die langfristigen Strukturen, die Mauern und Straßen, werden vom Passanten nicht bemerkt: er orientiert sich an einer wandlungsfähigen »Sekundärarchitektur«, an Einbauten und Anpassungen – bis hin zur Reklame -, die der Benützer an den Bauten vornimmt: das sind die wahren Tasten zur komplizierten und verborgenen Maschinerie der Stadt. Hier wird eine Utopie entwickelt, die dem realen Prozeß der Stadt weitgehend gerecht wird. Sie sagt etwas aus über das tatsächliche Verhalten des Städters, über seine Lust am Umbau, seine gestalterischen Bedürfnisse in Bidonville und Schrebergarten und schließlich seine Beziehung zum Auto und zur Garage. Realistisch innerhalb der Utopie ist es, daß stets aus der Not eine Tugend gemacht wird: das Vorhandene wird nicht als Hindernis, sondern als Startbasis zum nächsten genommen. An Stelle der teuren Abbrüche, Tief- und Hochbauereien tritt die gesamte Hochlegung der Stadt um ein Geschoß, das uns vom 19. Jahrhundert schon geschenkt wurde.
Utopie und Beschlußfassung
Der Verwirklichung vieler der angeführten Utopien, insbesondere der »technischen«, steht technisch nichts im Wege. Wenn bisher noch keine utopische Stadt gebaut worden ist, dann nicht, weil das utopisch wäre, sondern weil die Gesellschaft ihr Geld lieber für Mondsonden und dergleichen ausgibt. Es ist aber durchaus möglich, daß eines Tages Kräfte aufstehen, welche zur Verwirklichung einer utopischen Stadt drängen, so wie auch Chandigarh, Brasilia und das Habitat ´67 in Montreal gebaut worden sind. Und es ist zu vermuten, daß auch in diesem künftigen Falle, wie in den drei vorangegangenen, das falsche Projekt verwirklicht wird und die Urbanisten wiederum vor einer verpaßten Chance stehen.
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Le Corbusier Häuser in Chandigarh |
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Akzeptiert man einmal vorläufig die hier aufgestellte Reihe von »technischen Utopien« zu »urbanistischen Utopien«, »Urban Fiction« und »integrierten Utopien«, so fehlt uns eine letzte Sorte von Entwürfen, die doch die eigentliche und traditionelle Domäne der Utopie darstellt: die gesellschaftliche. Beiträge zu solchen Utopien haben einige Architekten geleistet: Yona Friedman hat ein scharfsinniges Drehbuch über das Leben in einer künftigen Raumstadt verfaßt, und Eckhard Schulze-Fielitz hat sich verschiedentlich über das Leben in naher oder fernerer Zukunft geäußert. Dieses Leben aber wird wiederum statisch geschildert als eine dereinst Gegenwart gewordene, geschichtslose Zukunft. Was wir aber vermissen, ist die Schilderung der Prozesse, welche die Zukunft herbeiführen, welche die gesellschaftliche Gegenwart in die Zukunft verwandeln. Niemand zweifelt daran, daß gewisse Teile des von den genannten Autoren geschilderten Lebens – kostenlose Abgabe der Waren, Übergewicht der Freizeit über die Arbeit, gesteigerte gesellschaftliche Interaktion – einmal Tatsache werden. Vergebens aber suchen wir eine Vorstellung davon, wie und durch welche Maßnahmen die heutige Gesellschaft aus dem Zirkel ihres Alltags hinaus- und in die morgige hineinkommt.
Diesen Zirkel zu schildern und die wenigen Stellen aufzuspüren, an welchen eine gewollte Wandlung und Entwicklung einsetzen kann, würde den Rahmen des Artikels überschreiten. Hier nur soviel: der Urbanismus ist ein Prozeß, der sich – vereinfacht gesagt – zwischen den architektonischen Gestaltern, den beschlußfassenden Autoritäten und ihren Beratern und der Stadt selbst mit ihren Bewohnern abspielt, ähnlich wie das Bauen ein Interaktionsprozeß zwischen Gestalter, Bauherrschaft und dem Resultat, den Bauten plus ihren Benützern, darstellt.
Die Verfestigungen der Bahnen dieses Zirkels sind nicht materieller Art. Es sind nicht die Mauern der bestehenden Bauten, welche die Erneuerung des Städtebaues verhindern. Wo es den Behörden oder der Spekulation gelingt, unter dem Schlagwort »Sanierung« ein Quartier zu zerstören und neu aufzubauen, da entsteht keineswegs die »Neue Stadt«, die utopische, sondern bestenfalls eine »neue Altstadt«, schlimmstenfalls eine »familiengerechte Überbauung zu erschwinglichen Mietzinsen, mit öffentlichem Grün, genügend Autoabstellplätzen und einem Einkaufszentrum«.
Wie wir eingangs geschildert haben, beherrscht in diesem Zirkel der Gestalter die Szene: der Auftraggeber versagt bei der Analyse seiner Probleme und überläßt sie dem Architekten; der Benützer ist vollends machtlos – er darf und kann nicht verändern, was ihm nicht gehört. Die scheinbaren Aufgaben, die der Gestalter sich selber stellt, ergeben scheinbare Lösungen, die weitgehend ästhetischer Natur sind. Weil sie aber aussehen wie logische Lösungen, haben sie die Eigenschaft, sich in der Vorstellung des Auftraggebers und selbst des Benützers festzusetzen und sich von da nicht mehr vertreiben zu lassen.
Der Ort der Verfestigung des alltäglichen Ganges der Dinge ist also das Aussehen der Bauten und der Städte. Es besteht ein Zusammenhang zwischen dem Aussehen und der Begriffsbildung. Was wir benennen können, das können wir auch beschließen oder zerstören; was nicht aussieht, hat auch keinen Namen und kann infolgedessen nicht öffentlich diskutiert werden. In diesem Sinne unsichtbar sind die Bedürfnisse des modernen Urbanismus. Als ein System abstrakter Strategien ist Urbanismus weitgehend der Beschließbarkeit entzogen. Über die verborgenen Mechanismen der Stadt kann nicht geredet werden wie beispielsweise über den Bau des neuen Rathauses oder die Verlegung der Straßenbahn in den Untergrund »zur Vermehrung des Straßenraumes«, eine besonders beliebte Pseudomaßnahme städtischer Behörden.
Was die Stadt am nötigsten hat, ist somit nicht identisch mit den »Lösungen«, wie sie der Politiker gerne öffentlich vertreten würde. Er braucht den Beginn und die Vollendung von Werken, die Platz haben in einer Wahlperiode, die zudem in sich eine Einheit darstellen und die einen sogenannten »mutigen Beschluß« erfordern. Wenn der Politiker ein solches Werk durch die Instanzen gezogen und der Verwirklichung entgegengeführt hat, so kann er sich mit scheinbarem Recht als »erfolgreich« präsentieren – denn der Erfolg wird ja nicht an der Wirkung, sondern am Umfang der Maßnahme gemessen.
Der Zirkel der Reproduktion des Ewig-Gleichen beruht nicht auf äußerem Zwang, sondern auf der Überlegenheit des Sichtbaren und Benennbaren über das Niegesehene. Auch die Erneuerung empfiehlt sich demnach nicht durch die neue Art der Befriedigung neuer Bedürfnisse, sondern vor allem durch ihr Aussehen: eine Neuheit ist um so spektakulärer, je besser es ihr gelingt, die banale Erfüllung überkommener Aufgaben in ein neues, demonstratives Gewand zu kleiden.
Hier kann die Utopie einen Dienst an der Beschließbarkeit leisten: sie gibt neuen Prinzipien des Urbanismus ein Aussehen, so daß sie in das politische Bewußtsein der Entscheidungsträger einfließen können. Indem die Zukunft ein Gesicht bekommt, wird sie kommunizierbar und damit auch beschließbar. Indem der Gestalter von Utopien die Lösung künftiger Notwendigkeiten gestalthaft beschreibt, werden diese Notwendigkeiten selber erkennbar, und das Publikum ist konfrontiert mit dem, was die Zukunft bringt.
Gefährlich wäre es, wenn man die Utopie mit der künftigen Wirklichkeit verwechseln und sie tatsächlich verwirklichen würde. Denn alle bisher ans Licht der Öffentlichkeit gelangten urbanistischen Utopien sind – insofern sie ein Aussehen haben – »Lösungen« im Sinne der Art, wie Architekten Probleme lösen. Wir verstehen die Utopien also nicht als einen Aufruf zu ihrer Verwirklichung – dann wären sie ja keine -, sondern als einen Verzweiflungsschrei der Gestalter an die Gesellschaft, ihnen endlich die doppelte Last der Formulierung und der Lösung der Aufgaben abzunehmen. Die Architekten wollen ihren Partner im Prozeß – den Bauherrn und den Benützer – wieder wecken, ja ihn sich neu kreieren. Sie wollen wieder ein Gegenüber, das mit ihnen diskutiert, das nicht nur ja oder allenfalls nein sagt, sondern eigenen Willen in die Diskussion trägt. Die Ingangbringung eines echten Beschlußfassungsprozesses wäre eine Wiederherstellung der Politik auf dem einzigen Felde, auf welchem Politik sich überhaupt lohnt: auf jenem der Formulierung unserer zukünftigen Lebensweise.
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aus:
Lucius Burckhardt, Wer plant die Planung? Architektur, Politik und Mensch. Hg. v. Jesko Fezer und Martin Schmitz, Berlin: Martin Schmitz, 2004
Lucius Burckhardt, Wert und Sinn städtebaulicher Utopien.
Erschienen in: R. Schmid (Hg.), Das Ende der Städte? Stuttgart 1968, S. 111–119. – In: Sonntagsbeilage zur National-Zeitung Nr. 449, 29.9.1968. – In: L. Lauritzen (Hg.), Städtebau der Zukunft. Düsseldorf 1969. – In: Jesko Fezer, Martin Schmitz (Hgg.), Wer plant die Planung? Architektur, Politik und Mensch. Berlin 2004, S. 146–141.
Mit freundlicher Genehmigung von Martin Schmitz, www.martin-schmitz-verlag.de |
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