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Bauen Sie Ihren Brühl.
Modellwettbewerb zur Brühlbebauung Leipzig
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Die 1966–68 nach einem städtebaulichen Entwurf von Wolfgang Müller in Kammstellung zum Ring errichteten elfgeschossigen Wohnscheiben bilden mit dem zeitgleich neu gestalteten und erweiterten Kaufhaus ein markantes Bauensemble an der nördlichen Kante der Leipziger Innenstadt. Die drei Häuser, die durch flache Zwischenbauten miteinander verbunden sind, bieten Platz für 459 Wohnungen, die Mehrzahl von ihnen 2-Raum-Wohnungen. Die Terrassendächer der eingeschossigen Zwischenbauten waren ursprünglich als Spiel- und Wäscheplätze ausgebaut. Noch 1999 spricht sich die Eigentümerin, die kommunale Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft, LWB, für den Erhalt der Häuser aus und führt gemeinsam mit dem Stadtplanungsamt Leipzig eine Städtebauwerksatt durch, zu der fünf internationale Architekten- und Stadtplanerteams eingeladen werden. 2001 ändert die Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft ihre Pläne und betreibt seitdem die Vorbereitungen für den Abriss der Häuser am Brühl. Im Frühjahr 2003 beschließt der Stadtrat die Aufstellung eines neuen Bebauungsplans für das Areal, durch den in Zukunft anstelle von Wohnungen Gewerbe- und Büroflächen entstehen können. Bis zum Frühjahr 2005 erwirkt die LWB durch massiven Druck den Auszug aller Mieter. Die Suche nach einem Investor erweist sich bei der hohen Leerstandsquote an sanierten und unsanierten Büro- und Gewerbeflächen in der Leipziger Innenstadt als Schwierig. Für die drei leer stehenden Wohnblöcke sind dringend neue Ideen gefragt.
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Flyer zum Modellbauwettbewerb |
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ModellbauerInnen gesucht! Bauen Sie Ihren Brühl
Wer entscheidet eigentlich, welche Funktionen das Stadtzentrum in den nächsten Jahrzehnten haben soll und was aus dem »Brühl« wird? – was wäre wenn ... Bauen Sie Ihre Visionen von der Zukunft der drei Wohnhäuser und dem Kaufhaus am Brühl! Bauen Sie Ihren »Brühl« als Modell – allein, mit Ihren Freunden, mit Ihrer Familie oder Ihren Kollegen.
Stellen Sie sich vor, Sie wären der Investor, der Miteigentümer, der Nutzer der »Brühlbebauung«! Welche Funktionen würden Sie in diesen Gebäuden unterbringen? Welche Nutzungen stellen Sie sich vor? Sie können von Fabriken, über Sport- und Freizeitanlagen, Werkstätten und Markthallen, Flugplätze, Büros, Wohnungen, Einfamilienhäuser bis zu Gewächshäusern und Seniorenresidenzen alles im "Brühl" ansiedeln. Kein »entweder-oder« – die Mischung bestimmen Sie. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt! Einzige Auflage: Die drei Wohnscheiben sollen als Ensemble mit der »Blechbüchse« stehen bleiben und sei es nur als Rohbau oder Fassade.
Alle eingereichten Modelle werden ab dem 2. Juli 2005 in der Ausstellung »Was wäre wenn...« in der Galerie für Zeitgenössische Kunst gezeigt. Die drei besten Modelle werden von einer Jury ausgewählt und mit Preisen im Wert von 250, 150, 100 Euro dotiert.
Der Materialwahl für Ihr Modell sind keine Grenzen gesetzt, nur der Größe Ihres Modells: es sollte die Maße 30 cm (Länge) x 60 cm (Breite) x 30 cm (Höhe) nicht überschreiten.
Abgabetermin: 1. Juni 2005, Modell mit einem kurzen Text zu Ihren Nutzungsvorstellungen
Die Jury:
- Caroline Bittermann, Künstlerin, Berlin
- Isolde Brade, Geografin, Leibniz-Institut für Länderkunde e.V., Leipzig
- Benjamin Foerster-Baldenius, Darstellender Architekt, raumlabor_berlin, Berlin
- Jeannette Stoschek, Kunsthistorikerin, Museum der Bildenden Künste, Leipzig
- Joachim Tesch, Wirtschaftswissenschaftler, Leipzig
- Jim Whiting, Künstler, Leipzig
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Es wurden insgesamt 14 Modelle eingereicht von:
- Martina Allstedt/Andreas Rothe, Leipzig »Tief Hoch Schweben«
- Matthias Bürgel, Leipzig
- Jörg Dietrich, Leipzig
- Isabell Eschenberg, Kristin Reißig, Leipzig
- Vince Leon von Gynz-Rekowski, Weimar
- Lisa Klabunde, Leipzig »Wüstenoase«
- Henry Kleine, Leipzig
- Doreen Krüger, Franziska Pätzig, Leipzig »Urlaub mal anders«
- Felix Minkus, miex., Leipzig » Moderne transformieren«
- Anja Rost, Leipzig
- Fatoumatulla Sanguare, Berlin
- Vivien Sonnabend, Leipzig »Die 7 Weltwunder in Leipzig«
- Carolin Werner, Sarah Bräuer, Leipzig
- Susan Winter, Leipzig »Going Underground«
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Vince Leon von Gynz-Rekowski
Der Entwurf sieht vor, dass die Gebäude als Ensemble erhalten bleiben und in unterschiedlicher Weise um- und weitergenutzt werden: zum Beispiel als Sportzentrum, »in das man unten ein Schwimmbad einbaut, das ein Becken hat, was innerhalb und außerhalb des Hauses liegt« und als Halle zum Handball- und Basketballspielen; als Wohnhaus für WGs, Familien und Alleinstehende; als Gasthaus mit Jugendherberge; als Universitätsgebäude; als Konzerthalle und als Markthaus mit kleinen Läden in der »Blechbüchse«. Auf jedem der Dächer befindet sich ein der jeweiligen Nutzung entsprechender Außenraum: ein Tennis- und Fußballplatz, eine Dachterrasse, ein Café, ein Park usw..
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Carolin Werner und Sarah Bräuer
Die beiden ModellbauerInnen verzichten auf einen erläuternden Text sowie einen Titel. Mit dem bestehenden Ensemble gehen sie auf eine sehr kühne Art um. Das Modell wird hier zu einer Projektionsfläche und zu einer Aufforderung zum Weiterdenken. Theoretisch scheint alles möglich in dieser sehr freien und offenen Vision zur Brühlbebauung. Die Horizontalen und Vertikalen geraten ins Schweben und Schwanken und mit ihnen mögliche Nutzungsideen, die man im Modell zu erkennen glaubt.
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Anja Rost, Leipzig
Der Brühl wird als eine Übergangssituation von verkehrsberuhigter Zone und Haupterschließungsader der Stadt betrachtet. Der Entwurf versucht dieses Gefälle zu überbrücken: »Im Allgemeinen soll dieser Ort ein Platz der Begegnung sein, eine beruhigte Zone darstellen. – Parkähnlich, mit viel Grün, auch Dachterrassen für Cafés und Erholung.« Die Bebauung wird in drei Nutzungsebenen gedacht: ganz unten sind Läden, Geschäfte, Cafés untergebracht, in der Mitte finden sich Dienstleistungsangebote, Büros und Sportmöglichkeiten und in der obersten Ebene kann man in Maisonetten wohnen.
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»Going Underground«, Susan Winter, Leipzig
»Auf den ersten Blick scheint sich auf dem Brühl nicht sehr viel verändert zu haben, nur dass er sich im Glasboden zu spiegeln scheint. Aber dies könnte genauso gut eine Illusion sein.« Das Gebäudeensemble wird 1:1 im Untergrund gespiegelt. Die überirdischen Gebäude dienen dazu, die Untergrund-Ebene mit Licht, Luft, Wärme und Wasser zu versorgen. Im Underground befindet sich neben Forschungslaboratorien u.a. ein Hotel, das den Gästen individuelle, nach ihren Wünschen gestaltete Übernachtungskonzepte bietet. Die Wohnungen in den Wohnscheiben können von den ForscherInnen den Wünschen der BewohnerInnen entsprechend ausgestattet und deren Vorstellungen angepasst werden. Der Underground bietet »nicht nur Sicherheit, Service und Sauberkeit, sondern dient auch als Projektionsfläche für die Bedürfnisse seiner BewohnerInnen.«
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»Moderne transformieren«, Felix Minkus, miex., Leipzig
»Leipzig wird Auto-City! Die Wohnbebauung am Brühl eignet sich, den Gedanken der autogerechten Stadt zu vollenden. Die Produktion von Autos in Leipzig soll auch in der Stadt repräsentiert werden.« Die Wohnscheiben werden zu Autohäusern: im unteren Bereich gibt es Regale für die neusten Modelle. Die BewohnerInnen fahren mit ihrem Auto direkt in ihre Wohnungen. Als »räumlich-organischer Ausgleich zur gestapelten Schachtelarchitektur der Moderne« befinden sich in den amorph-organisch geformten Gebäuden zwischen den Wohnscheiben u.a. Fitness-Center, Kinos, Game-Center und Restaurants: »Der mobile Mensch braucht kein üppiges Platzangebot in seiner Wohnung, denn er ist meist unterwegs, seine spärliche Freizeit verbringt er nicht in der Wohnung sondern in der Stadt.« Die »Blechbüchse« wird zum Technik-Kaufhaus, wo es alles gibt, was Strom braucht.
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»Wüstenoase«, Lisa Klabunde, Leipzig
»Mein Ziel war es also, den kalten, ausladenden Brühl in eine Oase […] zu verwandeln, ein kleines Paradies in der »Wüste« Innenstadt zu schaffen das […] aufruft, sich wieder mehr auf das Wesentliche, den eigenen Ursprung zu besinnen.« Auf der Fläche wird ein ganz neues Ensemble mit fantastischen Gebäuden kreiert: ein kugelförmiges, fensterloses, mit Sand verkleidetes Gebäude auf einem Podest, dessen Fußboden die Glasfläche eines Bodenaquariums ist und in dem Fossilien und Mineralien ausgestellt sind. Das turmartige »Kunsthaus« ist über eine Brücke mit einer Freilichtbühne verbunden, an deren Wänden Springbrunnen ineinander fließen. Dazwischen befindet sich das »Chamäleon-Café«, in dem sich Chamäleons frei bewegen können und »den Gästen einen schönen Anblick bieten«.
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Statement des Jurymitglieds Benjamin Foerster-Baldenius
Das ganze lief sehr spannend ab: Bei einem Modellwettbewerb beschäftigt man sich ja mit der Umsetzung des Modells – das ist die erste Ebene – und dann natürlich mit der Idee für den Ort. Welche Vorschläge passen für den Brühl am besten, sind aber auch für den Diskurs und den Zusammenhang in dem der Modellwettbewerb stattfindet, wichtig? Es gab verschiedene Pole in der Jury: die »Realos«, die ganz stark an die Umsetzung dachten und sagten, man muss das bauen können und die »Utopisten«, die gesagt haben, dass die Umsetzung zweitrangig ist, und die Idee im Vordergrund steht und dass es vor allem um einen Diskurs geht, der in Gang zu halten ist. Also sortierten wir die Modelle in verschiedene Gruppen und stellten fest: Es gibt eine große Gruppe, die eine Art Erlebnis- oder Themenpark vorschlägt. So Disneylands, wo wir diskutierten, ob man solche Erlebnisräume wirklich in der Innenstadt haben will. Denn die Innenstadt sollte ja mehr durch das, was da passiert, durch die Menschen im öffentlichen Raum, ein Erlebnisraum sein. Der Vorschlag, der am extremsten für eine solche Idee steht, ist eine Autoerlebniswelt. Man könnte sagen, das ist sogar realistisch, weil es die ja gibt – in Dresden, in Wolfsburg und anderswo. Aber muss Leipzig, auch wenn die Stadt zu einer Autostadt werden will, mit anderen Städten auf dieser Ebene konkurrieren? Da war sich die Jury einig: Wir wollten einen Vorschlag honorieren, bei dem es nicht um eine Tourismusattraktion geht, sondern etwas, was für die Einwohner der Stadt gedacht ist. Wir haben uns dann so entschieden:
1. Preis für Vince Leon von Gynz-Rekowski
Das Modell ist sehr anschaulich und trotzdem nicht so ein typisches Architekturmodell. Es macht durch seine Farben, durch die Werbung und den verwendeten Schuhkarton die Funktionsmischung, die für das Brühl-Ensemble vorgesehen ist, sehr gut sichtbar. Vorgeschlagen wird eine Nutzungsmischung, die tatsächlich eine realistische Ebene hat. Da haben sich in der Jury auch die »Utopisten« und die »Realos« getroffen. Einerseits war es nicht das, was bereits existiert ist, sondern etwas völlig Neues; aber das, was neu gedacht war, stellte eine interessante Mischung dar, Dinge, die den LeipzigerInnen zugute kommen. Für den Standort Brühl liefert der Vorschlag so auch gute Argumente, wie die Gebäude, so wie sie dastehen, auf eine neue Weise funktionieren könnten.
Statt eines zweiten Preises entschied sich die Jury, zwei dritte Preise zu vergeben.
Ein 3. Preis für Carolin Werner, Sarah Bräuer
Ein Modell, bei dem jeder der es betrachtet, selber überlegen kann und das für jeden diesen Imaginationsfreiraum lässt – ein Modell, das eigentlich Projektionsfläche für Ideen ist.
Ein 3.Preis für Susan Winter, »Going Underground«
Dieses Modell hat Fiction-Charakter, ohne dabei zu einer Erlebniswelt zu werden, sondern zu einem Raum, in dem gelebt und gearbeitet wird. Und das ganze ist gespiegelt – als künstlerische Ausformulierung. Der Vorschlag ist eine Überspitzung der derzeitigen Situation; es gelingt ihm, durch eine künstlerische Setzung eine Diskussion in Gang zu bringen.
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Brief von Fatoumatulla Sanguare zum Modellbauwettbewerb |
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Ein Beitrag zum Modellbauwettbewerb »Bauen Sie Ihren Brühl« ist auch im zweiten Heft von Heimat Moderne erschienen.
Bildnachweise Modellwettbewerb:
Nils Emde, 2003 //
Modellfotos: Andreas Enrico Grunert, 2005. |
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